Fiktive Eindringlichkeit

Buchtipp: „Dieser Beitrag wurde entfernt“ von Hanna Bervoets – über den psychischen Druck von Community-Managern

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Kayleigh bearbeitet als Community-Managerin Hunderte von verstörenden Bildern und Videos täglich. „Dieser Beitrag wurde entfernt“ regt zum Nachdenken an. Mein Buchtipp.

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Die sozialen Netzwerke sind voller Textbeiträge, Fotos und Videos. Schaut man sich ein wenig die Zahlen ein, ergeben sich beispielsweise bei Facebook 350 Millionen neue Fotos. Pro Tag. Im Hintergrund beschäftigen soziale Netzwerke Sub-Unternehmen mit Community-Managern, die händisch einen Großteil des hochgeladenen Materials sichten, einordnen und gegebenenfalls löschen sollen. Dies ist der reale Hintergrund hinter Hanna Bervoets fiktivem Kurzroman „Dieser Beitrag wurde entfernt“.

Hann Bervoets: „Dieser Beitrag wurde entfernt“ – Über das Buch

Cover zur Erzählung „Dieser Beitrag wurde entfernt“ von Hanna Bervoets

Mindestens 500 Beiträge pro Tag, maximal 7 Minuten Pause, beim Gang aufs Klo läuft die Stoppuhr – die Arbeitsbedingungen bei HEXA sind hart. Aber Kayleigh gefällt der neue Job, das Gehalt ist gut, und die schrecklich verstörenden Bilder, die sie für die Plattform prüfen muss, behandelt sie mit professioneller Distanz. Als sie sich in ihre Kollegin Sigrid verliebt, scheint ihr Glück vollkommen. Bis ihre Kollegen plötzlich zusammenbrechen oder Verschwörungstheorien anhängen, und Sigrid sich immer mehr distanziert. Ist Kayleigh dem Job als Einzige gewachsen? Oder merkt sie nur nicht, wie auch ihr moralischer Kompass sich auf gefährliche Weise zu verschieben beginnt?

Hanser Berlin

„Und was hast du da so alles gesehen?“ So unspektakulär diese Frage zu Beginn des Romans auch wirken mag, rüttelt sie Kayleigh immer wieder auf. Ihre Freunde und Bekannte wissen, dass sie als Community-Managerin bei einem sozialen Netzwerk arbeitet. Doch so richtig darüber sprechen kann sie nicht, was sie Tag für Tag dort erlebt. Äußert sie sich doch einmal, ist es für den Fragenden nicht genug. Es muss immer wieder eine Latte draufgesetzt werden. Für Kayleigh alles andere als einfach. Sie gerät unter psychischen Druck.

Ich als Leser erfahre einiges über die Arbeit, die Kayleigh täglich stundenlang machen muss. Auch wenn es besser bezahlt ist, als ihr vorheriger Job bei einer Kundenhotline, ist sie damit alles andere als glücklich. Die Arbeiten und Abläufe lassen sie abstumpfen, was auch Auswirkungen auf ihr Privatleben hat. Psychologische Hilfe erhält niemand in ihrem Team.

„Dieser Beitrag wurde entfernt“ ist Bervoets zweiter Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Im Anhang finden sich Quellangaben zu Artikeln, Studien und Dokumentarfilmen, die die Autorin für die Recherche genutzt hat. Dies untermauert die eindringliche Stimmung und das authentische Setting des fiktiven Romans. Wer die Auswirkungen von sozialen Netzwerken in Thrillerform lesen möchte, dem lege ich Max Seecks „Teufelsnetz“ ans Herz.

Hanna Bervoets, Autorin von „Dieser Beitrag wurde entfernt“

Hanna Bervoets: „Dieser Beitrag wurde entfernt“ – Mein Fazit

Die Figuren des Kurzromans von Hanna Bervoets bleiben für mich etwas unnahbar und flach. Jedoch bietet die Geschichte einen Einblick in die Arbeit von Community-Managern, deren Tätigkeit von uns alle unbemerkt im Hintergrund laufen, wann immer wir uns in Sozialen Netzwerken aufhalten. Es zeigt eindrücklich, welchen psychischen Belastungen die Mitarbeiter ausgesetzt sind.

Hanna Bervoets „Dieser Beitrag wurde entfernt“

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

2022, Hanser Berlin ISBN-13 978-3-446-27379-5

Preis: Hardcover 22 €, 112 Seiten – Jetzt bestellen (werblicher Link)

Hanna Bervoets

Hanna Bervoets, geboren 1984, ist eine der meistgelesenen niederländischen Autorinnen. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, 2017 erhielt sie den renommierten Frans-Kellendonk-Preis für ihr Gesamtwerk. Hanna Bervoets lebt mit ihrer Partnerin und ihren zwei Meerschweinchen in Amsterdam.

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