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Christoph Seidl und Jörg Bullinger von der Redaktion fussball-vorort.de

Menschen hinter IPPEN.MEDIA

Im Interview: Christoph Seidl und Jörg Bullinger, Redaktion fussball-vorort.de

„You‘ll never walk alone!“ Es ist die Leidenschaft, mit der das zum Münchner Merkur gehörende Portal fussball-vorort.de vor allem den Amateurfussball ab der 3. Liga beobachtet und kommentiert. Im Gespräch erklären die Redakteure Christoph Seidl und Jörg Bullinger die Rolle des Fussballs im Lockdown, sprechen über die Fupa-App und erzählen von besonderen Fussballmomenten abseits der großen Stadien.

Könnt ihr uns bitte erklären, was fussball-vorort.de ist und warum Euch der Amateurfussball so packt?

Jörg: Die Idee ist einfach genial. Die Vereine können selbst mitwirken, ihre Kader pflegen, Spielberichte schreiben und ihr Spiel live tickern. Das ersetzt vor allem für kleine Vereine den Aufwand, eine eigene Website mit viel Aufwand und Kosten pflegen zu müssen. Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht und berichten täglich „über die schönste Nebensache der Welt“.

Christoph: Eine recht bekannte Fußball-Moderatorin hat mich erst vor ein paar Wochen gefragt: „Amateurberichterstattung? Davon kannst du leben?“ Ich hatte im Leben zwei Ziele: Rockstar oder Sportjournalist werden. Meine Eltern sind froh, dass der zweite Traum in Erfüllung gegangen ist (lacht).

Kein Witz. Ich habe als Kind mit der Zeitung lesen gelernt. Mein Vater hat mir jeden Tag den Merkur-Sportteil geben müssen. Auf dem Weg in die Schule habe ich in der S-Bahn nach weiteren Sportteilen gesucht. Wenn ich mal eine tz oder Bild in die Hände bekommen habe, war das ein Festtag.

Der Verlag hat mir mit dem Portal fussball-vorort.de die Chance gegeben, über jeden Verein in Bayern schreiben zu dürfen. Jeder, der einmal in seinem Leben in einer Kabine gesessen ist, weiß: das ist ein magischer Ort.

Beim Fußball kommt für mich alles zusammen, was das Leben ausmacht: Gemeinsam für ein Ziel kämpfen, Freunde treffen, sich auspowern. Aber auch nach Niederlagen wieder aufstehen. Über diesen Sport schreiben zu dürfen, ist für mich ein Geschenk.

Im Verlag ist die Vorort-Redaktion zudem die Talentschmiede. Wenn ich in die Redaktion komme und sehe, wie viele Redakteure bei uns als Praktikant begonnen haben, erfüllt mich das mit Stolz.

Lesetipp: Einen Einblick in den Arbeitsalltag von Redaktions-Volontären erhältst du in unserem Beitrag IPPEN.MEDIA: Zwei Redaktions-Volontäre über ihren Arbeitsalltag.

Was ist eigentlich an der 3. Liga so toll, dass man dafür eine so starke Leidenschaft entwickelt wie Ihr beide?

Christoph: Für mich ist die Bundesliga inzwischen zu weit weg von der Gesellschaft. Die Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, die weltweit vermarktet werden müssen. Wenn ich Fußball sehe, möchte ich das gleiche Gefühl erleben, wie als Siebenjähriger. Dieses Kribbeln, wenn am Samstag „Heute im Stadion“ im Radio lief.

Die 3. Liga hat diesen Zauber erhalten. Hinzu kommt: Etliche Spieler haben noch vor ein paar Jahren bei einem Amateurklub gespielt. Stefan Lex ist das beste Beispiel: In meiner Zeit als Volontär hat der Löwen-Stürmer noch beim TSV Buchbach gekickt.

Efkan Bekiroglu ging damals noch in der Bezirksliga auf Torejagd. Heute ist er Profi in der Türkei. 2020 habe ich ihn per Skype interviewt. Er hatte Lokal-Zeitungsartikel an der Wand: Bekiroglu - der Matchwinner des FC Unterföhring. Das sind Geschichten, für die ich brenne.

Jörg: Die 3. Liga ist aus oberbayerischer Sicht die spannendste Liga in Deutschland. Mit Ingolstadt, Haching, Türkgücü, den Löwen und den kleinen Bayern sind in dieser Saison fünf Vereine aus unserem Gebiet dabei. Neben etlichen Derbys – leider im Moment ohne Zuschauer – gibt es einfach viele tolle Geschichten, die über diese Klubs erzählt werden können.

Außerdem ist die 3. Liga „vogelwild“. Vergangene Saison ist der FCB II als zwischenzeitlicher Abstiegskandidat noch Meister geworden, Ingolstadt ist dramatisch in der Relegation zur 2. Liga gescheitert und auch in dieser Saison herrscht aus bayerischer Sicht viel Spannung.

Welche Rolle speilt Eurer Meinung nach der Amateurfussball im Lockdown?

Jörg: Die Vereine machen sich große Sorgen. Die Kinder sind jetzt – mit einer kurzen Unterbrechung – seit eigentlich fast eineinhalb Jahren weg vom Sportplatz. Das Interesse und die Leidenschaft sind nach wie vor da. Dennoch wird es schwierig werden, die Kicker nach der Pandemie wieder in der gleichen Anzahl auf den Rasen zu bekommen. Einige Spielerinnen und Spieler werden sich vielleicht anderweitig orientiert haben.

Christoph: Im Juli hatten wir mehr als eine Million Sitzungen und haben nur knapp die Vorjahres-Zahlen verfehlt. Dabei fanden im Amateurfußball gar keine Spiele statt. Wir wollten in dieser schweren Zeit für die Vereine und Spieler da sein. Wir haben Live-Interviews geführt, die wir auf Facebook, Instagram, YouTube und auf unserer Webseite gestreamt haben.

Wie wichtig den Kickern der Amateurfußball ist, zeigen unsere Traffic-Zahlen im vergangenen Jahr. Wir hatten im Vergleich zu großen Portalen wie dem Kicker oder Sport1 keinen Einbruch. Im Gegenteil: Die Traffic-Zahlen sind trotz Lockdown Monat für Monat gewachsen. 

Christoph Seidl, Redakteur bei fussball-vorort.de

Wir wollten den Amateurfußballern jeden Tag einen Grund geben, auf unsere Seite zu schauen. Der Heimatverein ist für viele Kicker wie die erste große Liebe. Total egal, ob der Spieler Julian Nagelsmann, Florian Niederlechner oder Christoph Seidl heißt. Ich habe Freunde, die mich fragen: Du musst an so vielen Wochenenden arbeiten. Wie hältst du das nur aus?

Bei den Amateurkickern ist es aber genauso: Ich finde es geil, wenn mir ein Kreisliga-Kicker erzählt, dass er wegen eines Relegationsspiels vom Gardasee zurückfährt, der Trainer ihn 90 Minuten auf die Bank setzt und der Kicker trotzdem sagt: Hat sich gelohnt. Die Fußballmannschaft ist für viele ihre zweite Familie. Und die fehlt ihnen im Lockdown gewaltig.

fussball-vorort.de arbeitet mit der Fupa-App zusammen. Was kann die App und was bringt sie Euch?

Christoph: Die neue App ist ein Brett. Da hat das Team um FuPa-Gründer Michi Wagner in jeder Hinsicht einen Schritt nach vorne gemacht. Was die App kann, werden die Kicker erst richtig erleben, wenn wieder der Ball rollt. Ich finde z. B. den Live-Ticker richtig toll umgesetzt.

Diesen können wir auch bei tz.de und merkur.de einbinden. Für uns ist auch entscheidend, was sich im Hintergrund der Anwendung abspielt. Hier hat FuPa in Zusammenarbeit mit unserem IT-Team um Oliver Geisen die CUE-Anbindung umgesetzt. Wir versorgen in einem Arbeitsschritt gleich mehrere Portale mit Fußball-Texten.

Sobald wir über das Redaktionssystem einen Artikel erstellen, geht der Text auf FuPa, merkur.de und tz.de online. Für den Leser ist dieses Angebot genial: Er bekommt seine Fußball-Texte überall dort, wo er surft. Das ist auch mein tägliches Ziel: Der Fußball-Fan muss so oft wie möglich auf einem Angebot unseres Verlags landen.

Abschließend: was war für Euch das prägendste Ereignis im Rahmen des Jobs rundum den Amateurfussball?

Jörg: Ich durfte im April 2019 vor der DFB-Pokal-Partie des FC Bayern gegen Heidenheim mit dem Münchner Robert Glatzel sprechen, der damals für den FCH gespielt hat. Der heutige Mainzer hat sich von der Bezirksliga beim SV Heimstetten inzwischen bis in die 1. Bundesliga gekämpft. Eine eh schon coole Geschichte und dann schießt er beim 3:4 drei Tore in der Allianz Arena gegen die Bayern.

Christoph: Ich durfte Arbnor Segashi kennenlernen. Diese Frage beantworte ich mit den ersten Sätzen, die ich über ihn geschrieben habe: „Am 22. Juli 2016 hat der Amokläufer Ali David Sonboly (†18) neun Menschen vor dem OEZ erschossen. Unter ihnen war Armela, die Schwester von Arbnor Segashi. Sie wurde nur 14 Jahre alt. In der schlimmsten Zeit seines Lebens war seine Fußballmannschaft für ihn da. Auf dem Platz spürt Arbnor Segashi, dass seine Schwester immer noch bei ihm ist.“